Hast Du wirklich Heißhunger ?

Darmwissen · Heißhunger

Wer bestellt hier eigentlich die Schokolade?

Mäuse ohne bestimmte Darmbakterien haben 50 % mehr Zucker gefressen. Vielleicht ist Dein Heißhunger gar nicht Deiner.

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Tina Raab, Darmtherapeutin, über Heißhunger und Darmbakterien

22 Uhr, Sofa, Küchenschrank

Du kennst das, oder? Den ganzen Tag warst Du richtig "gut", mittags Salat, nachmittags Tee, und dann sitzt Du abends auf dem Sofa und plötzlich ruft die Schokolade aus dem Küchenschrank nach Dir. Erst ein Stück, dann eine Reihe, und irgendwann liegt da nur noch das Silberpapier. Danach kommt das schlechte Gewissen, und am nächsten Morgen nimmst Du Dir fest vor, endlich mehr Disziplin zu haben. Was aber, wenn das alles gar nichts mit Disziplin zu tun hat?

Schauen wir uns mal eine Studie vom Caltech an, die mich echt nicht mehr loslässt, weil sie die ganze Frage nach der Willenskraft komplett auf den Kopf stellt …

Die Mäuse, die nicht aufhören konnten

Die Forschenden haben Mäusen vier Wochen lang Antibiotika gegeben, sodass ein großer Teil ihrer Darmbakterien verschwunden ist. Dann haben sie den Tieren Zuckerpellets hingestellt. Innerhalb von zwei Stunden haben die Mäuse ohne Darmflora 50 % mehr Zucker gefressen als ihre Artgenossen, und zwar in längeren, regelrechten Fressattacken. Beim ganz normalen Futter haben beide Gruppen übrigens gleich viel gegessen. Es ging also nicht um Hunger und nicht um Kalorien, sondern um LUST.

50 %

mehr Zucker haben Mäuse ohne Darmflora innerhalb von zwei Stunden gefressen.

Ousey et al., Current Biology 2022

4 Wochen

Antibiotika reichten aus, um das Essverhalten der Tiere deutlich zu verändern.

Caltech, Pressemitteilung

Und dann kommt der Teil, der mich wirklich umgehauen hat. Die Mäuse mussten für jedes weitere Zuckerpellet immer öfter einen Knopf drücken. Die gesunden Mäuse haben irgendwann gesagt: „Ach komm, lohnt sich nicht“, und sind abgezogen. Die Mäuse ohne Darmbakterien haben immer weiter gedrückt und gedrückt und gedrückt. Kommt Dir das bekannt vor? Mir schon, und zwar vom Gang zum Süßigkeitenregal im Supermarkt.

Und dann kamen die Bakterien zurück

Als die Forschenden den Mäusen ihre Darmflora per Stuhltransplantation zurückgegeben haben, haben sie wieder ganz normal gegessen. Zucker mochten sie immer noch (sie sind ja keine Heiligen), aber die Fressattacken waren weg. Noch spannender: Schon einzelne Bakteriengruppen, darunter Laktobazillen, haben gereicht, um den übermäßigen Appetit auf Süßes zu bremsen. Bestimmte Bakterien wirken also wie ein eingebauter Türsteher, der irgendwann sagt: „Danke, reicht jetzt.“

Vielleicht fehlt Dir gar nicht die Disziplin. Vielleicht fehlt Dir der Türsteher.

Wie genau das im Gehirn abläuft, wissen selbst die Forschenden noch nicht, und es handelt sich um Mäuse, nicht um Menschen. Aber der Gedanke ist so verlockend, dass ich ihn Dir nicht vorenthalten will: Ein Teil dessen, was wir für unseren Charakter halten, könnte in Wahrheit die Stimme unserer Mitbewohner sein.

Drei Abende, drei Bäuche

Spielen wir das mal durch. Das sind meine eigenen Gedankenspiele, aufgebaut auf dieser Studie.

Szenario 1

Nach der Antibiotikakur

Du hattest eine Blasenentzündung, hast brav Dein Antibiotikum genommen (und das ist auch völlig richtig so, bitte setz ein verordnetes Medikament niemals eigenmächtig ab). Zwei Wochen später wunderst Du Dich, warum Du plötzlich ständig an Gummibärchen denkst. Vielleicht ist das kein Zufall, sondern ein leergeräumter Darm, in dem gerade der Türsteher fehlt. Genau in solchen Phasen lohnt es sich, Deinen Bakterien besonders viel Gutes auf den Teller zu legen.

Szenario 2

Die Diät mit Zähnen zusammenbeißen

Du verbietest Dir alles Süße, hältst drei Tage durch und am vierten Abend fällst Du über die Kekse her. Danach fühlst Du Dich wie eine Versagerin. Dabei hast Du vielleicht drei Tage lang gegen eine ganze Armee gekämpft, ganz allein, mit nichts als Willenskraft. Ganz ehrlich, das kann man auch einfach mal verlieren.

Szenario 3

Der Abend, an dem Du gar nicht dran denkst

Du hast über Wochen viel Gemüse, Hülsenfrüchte und Fermentiertes gegessen, ohne Dir irgendwas zu verbieten. Und eines Abends merkst Du, dass die Schokolade im Schrank liegt und Dich einfach nicht mehr ruft. Das ist für mich der schönste Moment: wenn Du nicht mehr kämpfen musst, weil Dein Bauch wieder auf Deiner Seite ist.

Frag Deinen Heißhunger mal was

Das nächste Mal, wenn die Schokolade ruft, schimpf nicht mit Dir. Stell Deinem Heißhunger lieber ein paar Fragen:

Bevor Du zur Schokolade greifst …

  1. Was habe ich heute eigentlich gegessen?Und wie bunt war das?
  2. Hatte ich in letzter Zeit Antibiotika oder viel Stress?
  3. Wann habe ich zuletzt etwas Fermentiertes gegessen?Sauerkraut zählt. Gummibärchen nicht.
  4. Bin ich gerade hungrig oder will ich mich belohnen?
  5. Und wer will das jetzt eigentlich: ich oder meine Mitbewohner?

Weißt Du, was ich daran so befreiend finde? Es geht nicht darum, Dich noch mehr zu kontrollieren, sondern darum, Dich mit Deinem Bauch zu verbünden. Wenn Du Deine guten Bakterien fütterst, füttern sie irgendwann Deine Entscheidungen mit. Juhu!

Du willst wissen, was Dein Bauch Dir mit seinem Heißhunger sagen will? Mein Ursachentest dauert ein paar Minuten und kostet Dich 0 €.

Zum Ursachentest

Und jetzt erzähl mal: Wann ruft bei Dir die Schokolade am lautesten? Ich bin gespannt! Schreib es mir auf Instagram unter @darmgesund.mit.tina.

Deine Tina

Quellen

  1. Ousey, J. et al. (2022): Gut microbiota suppress feeding induced by palatable foods. Current Biology. cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(22)01750-X
  2. California Institute of Technology (2022): Gut Microbes Influence Binge Eating of Sweet Treats in Mice. caltech.edu/about/news/gut-microbes-influence-binge-eating-of-sweet-treats-in-mice

Die beschriebenen Ergebnisse stammen aus Versuchen mit Mäusen. Ob sie sich auf Menschen übertragen lassen, ist noch nicht geklärt. Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

 

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